Fragen und Antworten

 

 

 

 

Am 21. Oktober 2006 schrieb uns Frau xy.:


Thema: Gottesbilder

Sehr geehrte Damen und Herren,

GOTT kann in unserer Vorstellung vieles sein: wir vergleichen IHN mit einem Hirten, der uns auf den rechten Weg führt, einer Mutter, die tröstet, einem Vater, der vergibt, einer Quelle, die Leben schenkt, einem Orkan, der zerstören kann, mit der wärmenden Sonne, einer schutzspendenden Burg ...
Viele, viele Bilder existieren von IHM, und keines schließt das andere aus.
Ich stelle es mir so vor, dass diese Bilder uns helfen, uns eine Vorstellung von GOTT zu machen und dadurch eine Beziehung zu IHM aufbauen zu können.
Jeder sieht IHN somit vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen anders. Aber welche KRITERIEN gibt es, um ein Gottesbild als "angemessen" oder nicht zu qualifizieren??? Muss man es aushalten, wenn jemand sagt, für ihn sei GOTT eine Maschine, eine Hure, ein Verbrecher ...??? Aufgrund der prinzipiellen Unbestimmbarkeit kann man doch kein Bild für gültig erklären und ein anderes nicht?!???

Und wie verhält es sich überhaupt mit dem Bilderverbot? Natürlich, man darf kein Bild(nis) von GOTT anfertigen und es dann anbeten. Aber Bilder malen, um sich seine eigenen Gottesvorstellungen bewusst zu machen, ist ok?!?

Bitte antworten Sie mir so schnell wie möglich, dafür wäre ich Ihnen sehr dankbar!!!

Herzliche Grüße und vielen Dank!


Unsere Antwort:

Liebe Frau xy,
Sie haben recht: Wir machen uns von Gott immer nur Vorstellungen. - Gott ist "transzendent", also unsere Sinne übersteigend, so sagen es die Theologen und Philosophen. Wäre er das nicht, so wäre er wie wir und alle anderen von ihm geschaffenen Wesen. Wie hätte er sie schaffen können, wenn er ihnen nur gleich wäre?
Ja, Gott ist für uns so sehr ganz anders und unvorstellbar, dass wir uns von ihm Bilder machen müssen, wenn wir ihn "denken" wollen. Denn nichts ist im Verstand, was wir nicht zuvor durch unsere Sinne wahrgenommen haben; das wissen wir schon seit den griechischen Philosophen des Altertums. Und "Bilder" sind nichts anderes als diese sinnlichen Erfahrungen (mit allen Sinnen!), die wir seit unseren ersten Lebenswochen gemacht haben. Und da jeder Mensch andere, d.h. als Individuum seine eigenen Erfahrungen macht, haben die Menschen folglich unterschiedliche Vorstellungen von Gott.

Wenn es darum geht, Gott zu beschreiben, hat der Mensch auch keine Worte, nur Gestammel. Das gilt auch für die Theo-logie, die "Wissenschaft" von Gott. Auch sie muß bescheiden diesbezüglich ihre Unfähigkeit bekennen. Auch ihre abstrakten (d.h. von Bildern "abgezogenen") Formulierungen über Gott, sind nur vorsichtige Annäherungen, die letztlich immer ihren sinnlichen Ursprung haben und daher auch mit dem Denken anderer Menschen kollidieren können. Das ist auch der Grund warum sich in Religionskriegen die Menschen so grausam vernichten. Jeder glaubt und behauptet, die Wahrheit zu haben, sein Gott sei der richtigere, die Götter der anderen seien falsch. Da aber, wie wir schon gesehen haben, wir als Menschen nur "subjektive" Vorstellungen von Gott haben können, müssen wir ihn "glauben", sich ihn im Glauben vorstellen. Aber auch im Glauben können wir uns der Wahrheit (auch der über Gott) nur annähern. Der Philosoph Otto Friedrich Bollnow sagte einmal: "Der Ort der Wahrheit ist der Dialog". Dialog heißt nicht missionieren, eintrichtern und andere überzeugen und mit "logischeren" Argumenten nieder reden, sondern sich gegenseitig zuhören und sich öffnen, seinen Glauben mit anderen (gleichberechtigt) austauschen.
Wenn wir uns der Wahrheit nur über den Dialog annähern können, heißt das letztlich, dass wir tolerant und respektvoll "Bilder" über Gott austauschen müssen. Damit sind freilich auch Grenzen angesagt. Es gibt nichts Schwierigeres als den Dialog. Das wissen wir aus unseren alltäglichen Beziehungsproblemen. Wir können andere mit unseren Bildern verletzen. Ist das so, dann sind manche Bilder dialog-untauglich.

Wir hätten damit ein erstes vorsichtiges Kriterium für die Angemessenheit von Gottesbildern: Ein Gottesbild ist dann angemessen, wenn es für den Dialog der ganzen Menschheit passt, d.h. für alle Rassen, Religionen und Kulturen. Mit diesem ersten Kriterium wird gleichzeitig verständlich, warum es in manchen (monotheistischen) Religionen das Bilderverbot gibt. Denn nichts ist schwerer als ein solcher Dialog. Sind nicht manchmal Verbote für Kinder nützlicher als gefährliche Selbstlernversuche? Aber sind Tabus für Erwachsene immer die gute Lösung? Und müssen wir nicht auch als ganze Menschheit "erwachsen" werden? Müssen wir immer noch anderen Religionen gegenüber "beweisen", dass unser Gott der bessere, stärkere, richtigere, schönere ist? Wäre es nicht erwachsener, erst gemeinsam zu bekennen, dass keiner über seine Gottesbilder sicher sein kann, und dann das Gemeinsame unserer Gottesbilder zu suchen? Fast alle Religionen kennen mehr oder weniger das Bild von Gott als der Liebe; wäre das nicht der gemeinsame Weg?

Wir sahen oben, dass sich die Denker, Philosophen und Theologen Gott als "transzendent" vorstellen. Aber Gott ist nach unserem Glauben auch "immanent", d.h. er wohnt in uns, er wohnt in seiner Schöpfung. Gott ist demnach auch irgendwie über unsere Sinne erfahrbar. Das ist der Weg der Mystiker. Mystiker gibt es in allen Religionen, nicht nur bei den Juden, Christen und Muslimen. Sie haben einen ganz persönlichen, liebenden Zugang zu Gott. Liebe ist ganz ähnlich wie Dialog. Mystiker streiten sich nicht über Definitionen und Gottesbilder. In der mystischen Vereinigung sind sie ganz in Gott - und vereint mit allen gottesgläubigen Menschen. Das ist der Weg der "erwachsenen" und modernen Gottessucher. Sollten wir nicht auch diesen Weg ernst nehmen und versuchen?

Bei einem Teeabend der Muslimischen Hochschulgruppe Tübingen hielt uns eine gläubige Muslima einen Vortrag über die Sufis, die Mystiker des Islams. Lesen Sie auf unserer Homepage ihren Vortrag (http://www.kirchameck.de/IslamchristDialogMHSG1.html ) . Er kann uns ihre Vorstellung von Gott näher bringen. Der Dialog mit dem Islam ist möglich.

Der mystische Zugang zu Gott eröffnet sich auch in der Meditation. Wenn Sie hier mehr wissen wollen, finden Sie auf unserer Homepage (http://www.kirchameck.de/Meditation.html) ebenfalls Anstöße zum Weiterdenken.

Nun wünsche ich Ihnen ruhige Minuten und viel Freude bei Ihrer Gottsuche - mit oder ohne Bildern


 


 
Kirch am Eck
Predigten
Religiöse Fragen
Texte
Aktuelle Infos
Menschen in Not und Leid
IBIS
Asylarbeit
Kirchenasyl
Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung
Für Sie gelesen
Humor
Französisches Viertel
Christlich-islamischer
Dialog
Die Seite für Ausländer
Links
Chat
 Wir über uns

 

Webmaster